Hallo!

Über Ausländer in Deutschland wird viel geschrieben, über Deutsche im Ausland weniger. Was liegt also näher als einen Roman zu verfassen, wenn man über dreissig Jahre in Brasilien wohnt und immer noch "Gringo" genannt wird?






Franz Josef Brüseke

geboren 1954 in Hamm/Westfalen, war seit 1987 Professor für Soziologie an verschiedenen Universitäten Brasiliens. Nach langährigen Aufenthalten in Amazonien (Belém) und dem Nordosten Brasiliens (Aracaju) lebt er heute mit seiner deutsch-brasilianischen Familie in Florianópolis/Brasilien. Autor mehrerer Bücher über Entwicklungsfragen und Techniksoziologie. Widmet sich zur Zeit der Belletristik über deutsche Migration nach Lateinamerika.
  

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Gringo

 Eine globale Geschichte

"Sie nennen ihn Gringo. Und so wie Sie aussehen, würde man Sie, da wo ich wohne, auch Gringo nennen. Es gibt ja eigentlich kein hässlicheres Wort für jemanden, der nicht von hier ist.

Gringo, das ist der andere, der nicht dazu gehört, der im Sommer Socken trägt, auch wenn er in Sandalen läuft. Er hat keine Ahnung, ist plump, spricht die einheimische Sprache nicht. Kurz: Er ist ein Trottel.

Warum halten wir ihn aus? Warum kommt er zu uns? Was will er von uns?

Wir lachen über den Gringo. Wir tuscheln mit anderen. Wir sehen, dass er rot wird. Wir sind schadenfroh.

Er ist nicht von hier, wir sind es. Er kann ja kaum einen Kaffee bestellen. Er muss auf die Tasse zeigen, damit der Kellner ihn versteht, der schon ganz ungeduldig wird. Soll er ihm doch einen Schnaps bringen! Aber nein, er kommt schon mit dem Kaffee. Und der Gringo nippt an der Tasse und der Gringo winkt den Kellner herbei und der Gringo beschwert sich.

Eiskaffee wollte er nicht. Aber in der Tasse, auf die er gezeigt hat, war doch Eiskaffee. Der Gringo steht auf und zeigt auf die Espresso-Maschine. Jetzt versteht der Kellner. Aber wer bezahlt den Eiskaffee? Das wird eine Diskussion werden! Wir warten auf die Rechnung.

Der Gringo hat den Espresso getrunken und schwitzt. Warum schwitzen Gringos nur so? Warum bestellt er sich einen Kaffee bei dieser Hitze? Warum läuft er in Socken herum bei dieser Hitze?

Er öffnet das Büchlein mit der Rechnung und wirft einen kurzen Blick darauf. Er legt eine viel zu große Banknote hinein und klappt das Büchlein zu. Er hat die viel zu hohe Rechnung bezahlt! 

Ja, Geld haben sie, diese Gringos, Geld haben sie."

Worum es geht.

Wenn es keine wolgadeutsche Familientragödie wäre, es wäre ein zaghafter Liebesroman, oder eine Geschichte über südamerikanischen Drogenschmuggel, Ein-Hand-Segeln und Atlantiküberqueren. Oder es wäre eine wirre Erzählung über Wilde und Zivilisierte, Germanen und Latinos, vielleicht sogar eine Therapie, wenn man den Guerillakrieg in Amazonien weglässt und das Philosophiestudium in Münster. Ach ja, die Kontingenz. Man ist verwirrt, aber es stimmt alles. Jetzt hab ich es: es ist ein Kneipenroman. Bei meinem nächsten Bummel über die Reeperbahn werde ich sie suchen, die „Heulboje“!