Jorge

Den siebzigjährigen Jorge habe ich in der brasilianischen Stadt Florianópolis getroffen. Schon bei unserer ersten Begegnung entspann sich eine rege Unterhaltung, in der es vor allem um seine Herkunft ging. Er selbst stellte sich als Argentinier vor, sprach aber gebrochen Deutsch, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nach einigen Bieren entdeckten wir gemeinsam, was er bis dahin nur bruchstückhaft wusste: er war Sohn deutscher Eltern, väterlicherseits aus irgendeinem deutschen Siedlungsgebiet in Russland stammend. Sein Vater war 1945 (!) als sowjetischer Soldat desertiert und nach Argentinien ausgewandert. Später, als wir uns öfter trafen und Freunde geworden waren, brachte Jorge Dokumente in russischer Sprache mit und wir rekonstruierten, so gut es ging, die aufregende Odyssee seines Vater quer durch Europa bis hin nach Argentinien, wo er auf den weiten Ebenen am Fusse der Anden endlich Ruhe fand. Die Figur Heinz im Roman "Gringo" ist von Jorges Erzählungen inspiriert und mit literarischer Freiheit neu erfunden. Vielen Dank Jorge! Den "Gringo" selbst, den verlorenen Sohn, habe ich dir zu Ehren Georg genannt.