Klappentext Gringo

 
Klappentext Gringo

Gringo - das ist der Name, den man Georg gegeben hat. Warum? Das möchte Georg herausfinden. Er will wissen, wer er ist. Er will wissen, wer sein Vater ist. Helfen soll ihm dabei sein Therapeut Dr. Berg. Gemeinsam entdecken Arzt und Patient, dass es Georgs Vater nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Sowjetarmee nach Brasilien verschlagen hat, wo er Georg, den „Gringo“, zeugt.

Sich nirgendwo heimisch fühlend, wird das Leben Georgs recht bald zu einer Odyssee zwischen Brasilien und Europa. Ob als Militär am Amazonas, Drogenschmuggler wider Willen in der Karibik, Barbesitzer in Hamburg oder als Philosophiestudent in Münster: Der „Gringo“ schlägt nirgendwo Wurzeln.

Alt geworden und ohne jede Hoffnung in seiner maroden Jacht wohnend, sinniert „Gringo“ über sein Leben. In dieser Lage trifft ihn die Filmstudentin Simone. 


Schlagworte
Brasilien, Vertreibung, Familiendrama, Auswandern, Globalisierung, Post-kolonialismus, Abenteuer.

Gringo 

  (die ersten drei Seiten)


Sie nennen ihn Gringo. Und so wie Sie aussehen, würde man Sie, da wo ich wohne, auch Gringo nennen. Es gibt ja eigentlich kein hässlicheres Wort für jemanden, der nicht von hier ist.

Gringo, das ist der andere, der nicht dazu gehört, der im Sommer Socken trägt, auch wenn er in Sandalen läuft. Er hat keine Ahnung, ist plump, spricht die einheimische Sprache nicht. Kurz: Er ist ein Trottel.

Warum halten wir ihn aus? Warum kommt er zu uns? Was will er von uns?

Wir lachen über den Gringo. Wir tuscheln mit anderen. Wir sehen, dass er rot wird. Wir sind schadenfroh.

Er ist nicht von hier, wir sind es. Er kann ja kaum einen Kaffee bestellen. Er muss auf die Tasse zeigen, damit der Kellner ihn versteht, der schon ganz ungeduldig wird. Soll er ihm doch einen Schnaps bringen! Aber nein, er kommt schon mit dem Kaffee. Und der Gringo nippt an der Tasse und der Gringo winkt den Kellner herbei und der Gringo beschwert sich.

Eiskaffee wollte er nicht. Aber in der Tasse, auf die er gezeigt hat, war doch Eiskaffee. Der Gringo steht auf und zeigt auf die Espresso-Maschine. Jetzt versteht der Kellner. Aber wer bezahlt den Eiskaffee? Das wird eine Diskussion werden! Wir warten auf die Rechnung.

Der Gringo hat den Espresso getrunken und schwitzt. Warum schwitzen Gringos nur so? Warum bestellt er sich einen Kaffee bei dieser Hitze? Warum läuft er in Socken herum bei dieser Hitze?

Er öffnet das Büchlein mit der Rechnung und wirft einen kurzen Blick darauf. Er legt eine viel zu große Banknote hinein und klappt das Büchlein zu. Er hat die viel zu hohe Rechnung bezahlt! 

Ja, Geld haben sie, diese Gringos, Geld haben sie.

                                                 ***

Dr. Berg, Allgemeinmediziner und Psychotherapeut, saß zurückgelehnt in dem schwarzledernen Liegesessel, der normalerweise seinen Patienten vorbehalten ist. Er ist ratlos. Schon zehn Mal war dieser Georg zu einer therapeutischen Sitzung erschienen, hatte einen kaum zu stoppenden Monolog gehalten und war genauso verschwunden wie er gekommen war: pünktlich.

Er wird aus diesem Patienten nicht schlau. Was ist sein Problem? Bis jetzt hat er keine ihm aus seiner jahrzehntelangen Praxis bekannte Pathologie entdecken können. Hat er etwas übersehen? Er weiß es nicht. Bevor er die Therapie ergebnislos abbrechen muss, will er noch einmal einen Blick in die Sitzungsprotokolle werfen, die seine Assistentin nach den Tonbandaufnahmen angefertigt hat, denn auch dieses Mal hat er seinen Patienten um Erlaubnis gebeten, die Sitzung aufzeichnen zu dürfen. 

Dr. Berg rafft den auf seiner Brust liegenden Stapel loser Blätter zusammen und beginnt zu lesen.

1.  Sitzung

Sie immer mit Ihrer Moral. Als ob Napoleon, Hitler, Stalin und wie sie alle heißen, unmoralisch gewesen wären. Lächerlich! Gucken Sie sich die Kerle doch mal genauer an! Was haben sie gemeinsam? Was fällt Ihnen auf? Sie sind verschieden, sagen Sie? Der eine ist ein Franzose, der andere ein Deutscher, der letzte ein Russe.

Entschuldigen Sie, dass ich nicht lache. Napoleon ist kein Franzose, er ist ein Korse, so nennen sich die Bewohner von Korsika, ich komme gleich darauf zurück. Aber erst mal Hitler, der kommt aus Braunau, Österreich, also kein Deutscher, oder wollen Sie Österreich wieder heim ins Reich führen? Meinetwegen, aber er bleibt Österreicher. Stalin, dieser Unsympath, ein Russe? Negativ. Er ist Georgier. 

Jetzt sind Sie platt, was? Alle drei sind stolz auf ihr Vaterland, über alles in der Welt, allons enfants, großer vaterländischer Krieg und was sie sonst noch alles draufhatten. Alle drei sind von außerhalb, zumindest vom Rand oder knapp darüber hinweg. Sagten Sie Borderline, na ja, gar nicht schlecht die Idee. Grenzwertig sind sie, genau. Peripher? Auch gut. Nennen Sie die drei, wie Sie wollen. Mit Sicherheit sind sie nicht aus Paris, Berlin oder Moskau.

Die haben ihre Länder vom Rand her aufgerollt, ganz schön clever. Warum hat keiner in Paris bemerkt, was da ablief? Warum hat keiner in Berlin die Größe der deutschen Nation erkannt, überlegene Rasse sogar, warum? Warum musste ein Georgier den Moskowitern sagen, wo es langgeht?

Ich weiß es. Bevor die vom Rand her eine Chance hatten, musste das Zentrum zerstört werden. Das hat ja der Robespierre getan und die ganze revolutionäre Bande. Guillotine, Kopf ab, an die Laterne mit dem ganzen Aristokratenpack, jawohl! Danach war es ja einfach für den Korsen. Einfach sagen, dass jeder nach oben kommt und es klappt. Marschallstab im Tornister und so. Sie erinnern sich. 

In Deutschland war ja auch der Teufel los. Nachkriegszeit, Kaiser weg, Job weg, Reparationen, Inflation - wer hatte das verdient? Die Millionen von Dichtern und Denkern wollten Besseres und Höheres. Und alle sangen: „Ach käme doch ein Feiner, ein Kleiner, oho…“ Und er kam und er war klein.

Klein waren alle drei. Vorsicht mit kleinen Männern, sie hauen dir von unten das Messer in den Bauch, bevor du gucken kannst. Große sind langsamer, weniger aggressiv. Dicke sowieso, das wussten schon die Römer. 

Stalin war auch klein und übernahm Russland, als alle Größeren am Boden lagen. Das ist wörtlich gemeint. Die ganze Zarenfamilie, Lenin, die Bolschewiki der ersten Generation, Trotzki etwas später. Bolschewiki, die Minderheit, die sich Mehrheit nannte, obwohl sie die nie hatten. Aber in den Kreml sind sie gekommen. Vorsicht mit den Minderheiten! Zuerst mit einer Minderheit das Zentrum lahmlegen, dann vom Rand her, von der Peripherie, sagen Sie? Okay, dann von der Peripherie aufrollen. Wen braucht man dazu, kleine Männer, die vom Rand kommen. Frauen gab es damals ja noch nicht. 


Fast hätte ich zwei andere Zwerge vergessen, die Geschichte gemacht haben. Mussolini mit Einsneunundsechzig und Goebbels, der mit Einsfünfundsechzig seinem Spitznamen „Schrumpfgermane“ alle Ehre machte. Alles wahrhaftige Giftspritzen, verurteilt zum Hochhopsen und Auftrumpfen, um andere zu beeindrucken. Der Goebbels zudem mit Klumpfuß, aber redete wie der Leibhaftige vom athletischen Ideal der arischen Rasse. Dieser Spinner! Dieser Gernegroß! Ihm selber fehlten fünfzehn Zentimeter bis zur SS-Mindestgröße. Vorsicht mit kleinen Männern!

Und von unten kamen sie. Unten ist ja auch nur ein anderer Rand, der untere, sozusagen. Unten sind die Vielen, die man braucht, um hochzukommen. Wenn man auch von unten kommt, mögen die einen. Stallgeruch nennt man das und wenn sie dich riechen können, geben sie dir ihre Stimme. 

Ob Hitler in einem Wiener Obdachlosenheim gewohnt hat? Was weiß ich. Darüber streiten sich die feinen Pinkel an den Universitäten. Wichtig ist, dass die von unten es geglaubt haben. Der einfache Gefreite, der Frontsoldat, der arme Künstler. Hauptsache arm, einfach und von unten. Das zieht. Vor allem in demokratischen Zeiten, wo es auf jeden ankommt, auf jede Stimme, meine ich.

Dschugaschwili, Koba, Stalin oder wie man den Mann nennen soll, von dem noch nicht mal Lenin den richtigen Namen wusste, das war ein Musterexemplar der Karriere von unten nach oben. Vater Säufer, alkoholkrank, sagt man heute, ich weiß. Die Mutter eine Prüglerin, beide schlugen so hart zu, dass Stalin, schon Diktator, sie einmal fragte: „Warum hast du mich so häufig geschlagen?“ „Damit aus dir das werden konnte, was du heute bist“, antwortete die Alte. Wahrscheinlich hatte auch die schon Angst vor ihrem Sohn. Der war ja mittlerweile nicht zum Schläger geworden, sondern zum Menschenfresser.

Ein Menschenfresser, der bis 1917 eine steile Karriere als Schutzgelderpresser in Tiflis und Umgebung machte, Banken überfiel und die Minderheit finanzieren half, deren Boss, Lenin selbst, ja auch irgendwie über die Runden kommen musste. Das Leben in der Schweiz war ja nicht gerade billig.

Sie sagen, ich habe Napoleon vergessen? Und dass auf den meine Theorie nicht passt? Wie das? Klein war er und vom geografischen Rand kam er. Na gut, er war nicht arm, aber reich war der korsische Kleinadel auch nicht.

Wichtig an meiner Theorie ist ja nicht, dass man alles fein säuberlich abhaken kann, sondern dass man ihren Geist versteht. Den Geist vom Rand Richtung Zentrum, den Geist von unten nach oben, den Geist der Gernegroßen, den Geist der Rache. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Mussolini!

Ja, noch eins! Es kommt natürlich nicht jeder Depp dahin, wohin diese aufstrebenden jungen Männer gekommen sind. Man muss schon was auf dem Kasten haben. Vielleicht Rousseau lesen, wie Napoleon. Oder Darwin und Bakunin, wie Stalin. Das war übrigens der, der im Priesterseminar war, bis sie ihn rausgeschmissen haben, weil er nicht an Gott glaubte. Er und Hitler haben geschrieben, dass die Schwarte krachte, und es zu hohen Auflagen gebracht. Stalin als dialektischer Philosoph. Materialistischer Philosoph, sagen Sie. Geschenkt. Auf jeden Fall intelligent. 

Und Hitler als Autor der Konstruktion des Selbst, self, wie die Amerikaner sagen. Das verstehen Sie nicht? Der ist doch ein Vorbild für alles, was an Ermächtigung des Selbst danach kommt. Mein Kampf! Das darf man nicht sagen, meinen Sie? Aber die Gedanken sind frei und kein Jäger kann sie erschießen. Und ich bleibe dabei.

Reden konnte Stalin nicht so gut, aber seine Augen! Da lief es einem schon mal kalt den Rücken hinunter. Mussolini ein Redner, den Sie vielleicht lächerlich finden, mit dieser Mimik, aber die Italiener nicht. Hitler, ebenfalls, faszinierend, wie er sprach und wie er seine Hände bewegte, einfach großartig. Napoleon, von dem weiß man nicht so viel, was seine Rhetorik angeht. Aber auf dem Pferd machte er schon was her.

Gut Ding will natürlich Weile haben und der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht. Endstation Santa Helena für Napoleon irgendwo einsam im Südatlantik. Benito aufgehängt mit dem Kopf nach unten und bespuckt mit Hohn. Hitler durchgedreht im Bunker und den Rest kennen Sie. Nur Koba, der Menschenfresser, hat alle überlebt, die er ermordet hat. Das müssen Sie zugeben: Dumm war der nicht!